Musikverein Übersee-Feldwies e.V.

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Die Alten Überseer

Schmid-Heigenhauser Besetzung 1920
hintere Reihe, von links nach rechts: Josef Schmid-Liebl, Josef Koch, Josef Rieder, August Schmied, Nikolaus Gnadl, Sebastian Fleidl
mittlere Reihe: Andre Genghammer, Sepp Pemler, Georg Reischl, Ignaz Ebner, Bartholomäus Güntherr
vorne sitzend: Xaver Gastager, Sebastian Heistracher, Nikolaus Pemler, Sebastian Heigenhauser

 

 
Besetzung um 1956
vlnr: Batista, Josef Schwaiger, Andre Genghammer, Ignaz Ebner, Nikolaus Holzner, Wast Holzner, Anton Gasteiger, August Schmid


Im Jahre 1903 wurde in Übersee eine neue junge Musikkapelle gegründet.

Gründer dieser Kapelle waren Josef Schmid, Liebl in Feldwies, Georg Hartl in Hinterbichl, Georg Hartl in Westerbuchberg und Josef Heigenhauser, Irlingweber in Übersee. Von den noch lebenden Musikern Gastager ist Josef Gastager mit seinem Sohn Xaver nach dem ersten Weltkrieg der neu gegründeten Musikkapelle Schmid-Heigenhauser beigetreten. Der noch lebende Andreas Gastager, dritter Dirigent der Kapelle Gastager, stand der neu gegründeten Musikkapelle Schmid-Heigenhauser feindlich gegenüber und hat im Jahr 1907 eine zweite Blaskapelle organisiert und bis zum ersten Weltkrieg 1914 ausgebildet und geführt. Er ist 1914 gestorben. Die Musikkapelle Schmid-Heigenhauser hat sich ohne Unterstützung durch einen Lehrmeister von sich selbst heraus mit großem Eifer entwickeln müssen. Auch diese Kapelle hat sich mit Musikern von der Fraueninsel, einem Josef Berger und einem Josef Heistracher, zusammengeschlossen und dadurch die Bezirke Übersee, Fraueninsel, Breitbrunn, Eggstätt, Gollenshausen und zum Teil neben der Musikkapelle Unter- und Oberwössen, den Bezirk Marquartstein und Schleching erhalten können.
Die im Jahr 1907 von Andreas Gastager neu gebildete Blaskapelle wurde nach dem ersten Weltkrieg von Peter Donauer, Schuhmachermeister in Feldwies, übernommen und geführt. Peter Donauer hat sich mit der inzwischen entstandenen Eggstädter Kapelle vereinigt und als konkurrierende Kapelle Teile des gleichen Musikbezirks gesichert.
Die Musikkapelle Schmid-Heigenhauser stand vom Jahr 1903 bis 1922 unter der Leitung des Josef Schmid, Liebl in Feldwies. Ab 1922 hat der Musiker Georg Reischl aus Grüntal bei Raubling die Leitung der Kapelle Schmid-Heigenhauser übernommen. Die Kapelle Gastager-Donauer stand vom Jahr 1919 bis 1924 unter der Leitung von Peter Donauer in Feldwies. Beide Kapellen, Schmid-Heigenhauser und Gastager-Donauer, haben sich im Jahr 1925 zu einer Musikkapelle zusammengeschlossen und sich unter die Leitung des Musikers Reischl gestellt. Georg Reischl hat die Kapelle bis 1936 geleitet. An seine Stelle trat ein Neffe von Josef Schmid, Liebl, ein August Schmid. Nach August Schmid hat Josef Schwaiger, der Fischer Sepp, die Leitung der Blaskapelle Übersee übernommen.


Eineinhalb Jahrhunderte Musikkapelle in Übersee-Feldwies (1961, Josef Metz)

„Da der Ortsschullehrer sich auf die Musik nicht versteht, so kann er hierin keinen Unterricht geben; wohl aber gibt selben an Sonn- und Feiertagen Matthias Glotz, Schneidermeister in Feldwies, der auch die Orgel schlägt, hat aber weder von einem noch von anderen etwas.“

So berichtete der Ueberseer Vikar Josef Rieder in einem Schreiben zu Beginn des 19. Jahrhunderts und gibt uns damit ein Dokument, daß es in der Gemeinde Uebersee anscheinend die Schneider waren, die sich die Pflege der Musik besonderes angelegen sein ließen, und nicht die Schuster wie weiland bei Hans Sachs. Es war nämlich wieder ein Schneider, dem zur selben Zeit die Gründung der hiesigen Musikkapelle, die ja einen guten Ruf besitzt, nachgesagt wird. Dieser andere Schneider hieß Josef Gastager und war in Neukirchen am Teisenberg 1785 geboren. Als Zwanzigjähriger war selbiger Gastager als Schneider in die Feldwies verschlagen worden. Neben seinem Schneiderkönnen brachte er anscheinend vor allem Musiktalent und Musikkönnen mit. Er verstand nicht nur die Trompete zu blasen, sondern pflegte auch Streichmusik. Allein freilich gab er noch keine Musikkapelle ab.

Zufällig heiratete zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zwischen den Jahren 1805 und 1810 ein gewisser Andreas Huber in das Feldwieser Kumpfmüller-Anwesen ein, der ebenfalls Streich- und Blasmusik kundig war. Gastager verstand es nun, den aus Tirol zu gewanderten Huber und die Einheimischen Genghammer, Gamer in Seetal, Maier, Gießner in Gießen, und den Daurer in Feldwies sowie weitere „dasige“ Musikfreunde, deren Namen nicht mehr feststellbar sind, unter einen Hut zu bringen, und eine Musikkapelle zu gründen. Das war vor nunmehr 150 Jahren, nämlich 1810, als Bayern gerade ein Königreich geworden war und Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Musikmeister der neuen Kapelle wurde Josef Gastager selber. Die Kapelle konnte sich schnell einen guten Ruf erwerben und wurde gern gesehener Gast in den umliegenden Gemeinden. Sie sorgte für Blas- und Streichmusik, für ernste und heitere, wurde unentbehrlich bei Hochzeiten und großen Leichenbegräbnissen, bei Feiern und bei Tanzlustbarkeiten. Vielleicht war die Gemeinde Uebersee und hier wieder der Ort Feldwies mit ihren vielen ehemaligen nicht existenzfähigen Kleinhäuslern ein besonders günstiger Boden für die Gründung einer Musikkapelle, bot doch die Ausübung der Musik sicherlich einen willkommenden Nebenverdienst. 30 Jahre lang leitete Josef Gastager seine Musiker, ehe er den Dirigentenstock in die Hände seines Sohnes Josef legte. Josef war damals erst 27 Jahre und bereits Hannerlwagner-Gütler in der Feldwies. Unter seinen Musikanten befanden sich noch immer der Tiroler Huber, jetzt betagter Kumpfmüller, der Daurer, der Gamer, der Gießner und die anderen, aber auch wieder deren Söhne wie der junge Kumpfmüller, der nun Hausernbinder in der Feldwies geworden war.
War seinem Vater Josef Gastager die Gründung der Musikkapelle zu verdanken, blieb dem Sohne deren Verstärkung vorbehalten. Der junge Hannerlwagner nahm nämlich bald Verbindung mit Musikern außerhalb seiner Gemeinde auf und konnte für seine Kapelle einen gewissen Knott aus Grassau und einen Ledererbistl aus Reit im Winkl als Blas- und Streichmusikanten gewinnen. Damit erfuhr die Uebersee-Feldwieserische Musikkapelle nicht nur eine zahlenmäßige Verstärkung, sondern ihr Wirkungskreis vergrößerte sich zusehends. Von Reit im Winkl und Schleching, ja sogar bis ins tirolerische Kössen einerseits und bis nach Seebruck und Chieming, Sondermoning andererseits verpflichteten Gemeinden und Wirte die beliebte Kapelle. Josef Gastager, dem Gründer, war es noch vergönnt, diese Blüte seiner von ihm gegründeten Musikkapelle zu erleben. 1855 segnete er das Zeitliche. Doch mittlerweile war schon die dritte Musikergeneration der Gastager herangewachsen und die vier Gastager-Enkel begannen nach und nach aktiv in die Kapelle einzutreten und mitzuwirken. Das war in der königlich bayerischen Zeit übrigens gar nicht so einfach. Es gab auch damals eine Bürokratie, bei der sogar die Zulassung als Musiker zu beantragen war. Einem Gastager-Enkel wird zunächst das sogenannte Musikerpatent wegen „seines jugendlichen Alters“ verweigert, wie uns ein zufällig erhaltenes Schreiben des königlichen Bezirksamtes Traunstein vom 3. Januar 1866 erzählt: Anliegende Patente sind den btr. Musikern gegen Bezahlung der treffenden Gebühren auszuhändigen, vorher aber die Personalbeschreibung in den Patenten zu ergänzen und die Unterschriften zu erholen, was umso gewisser zu geschehen hat, als sonst die Gesuchsteller zu diesem Zwecke hieramts vorgeladen und der Gemeindevorsteher in die den Einzelnen dadurch verursachten Kosten verurtheilt werden müßte. Künftig sind auch den Gesuchen um Verleihung oder Erneuerung von Musikpatenten ärztliche Zeugnisse darüber beizulegen, daß Gesuchsteller an keiner auffallenden ansteckenden oder eckelerregenden Krankheit leiden. Dem Andreas Gastager von Feldwies ist zu eröffnen, daß sein Gesuch um Verleihung eines Musikpatentes wegen seines jugendlichen Alters zurückgewiesen wurde.“ Doch später hat der Gastager Anderl das Patent dann doch bekommen. Ob er dazu schon ein Zeugnis beibringen mußte, daß er an keiner „eckelerregenden Krankheit“ leide, wie gefordert worden war, ist nicht bekannt.
Als 62jähriger übergibt der Vater dem Anderl die Leitung der Kapelle. Neben einigen anderen Einheimischen und seinen Brüdern Josef, Georg und Baptist spielen auch bei ihm wieder einige auswärtige Musiker. Anderl war es gelungen, einen gewissen Stocker aus Prien, einen Eder aus Endorf und einen Musiker Berger von Frauenchiemsee für seine Kapelle zu gewinnen. Sie betreuten weiterhin den großen Musikbezirk von Reit im Winkl bis Sondermoning und Seebruck. Das ging bis zum Jahre 1885. Jetzt hatte sich in Grassau mittlerweile eine selbständige Kapelle gebildet. Man kann diese Gründung einerseits als Konkurrenz ansehen. Doch hatte sich der Bereich der Uebersee-Feldwieser Musik in den Jahrzehnten vor Beginn dieses Jahrhunderts derart nach Westen ausgedehnt, daß sie das Achental als Musikbezirk leicht aufgeben konnte. Nicht umsonst hatte der Dirigent Musiker aus Prien, Endorf und Frauenchiemsee aufgenommen. So hatten denn die Musiker nicht nur die ganzen Seeorte von Seebruck, Gollenshausen, Lambach bis nach Prien und dazu die Insulaner zu betreuen (bei der Inselprozession wirkt übrigens die Ueberseer Blaskapelle heute noch mit!), sie kamen sogar bis Eggstätt, Endorf und Wildenwarth. Doch ein hundertjähriges Bestehen zu feiern war dieser Kapelle nicht vergönnt. Wegen verschiedener Todesfälle und wohl auch wegen Ueberalterung verschiedener Musiker löste sie sich im Jahre 1905 auf, 95 Jahre nach ihrer Gründung und nachdem sich der Dirigentenstab durch vier Generationen in der Familie gehalten hatte.
Doch ehe sich die Kapelle Gastager auflöste, war in Uebersee-Feldwies schon eine neue, junge Kapelle gegründet worden. Zu den Gründern gehörte Josef Schmid, Liebl in Feldwies, Stefan Pletschacher aus Feldwies, Sebastian Heigenhauser, Sebastian Heistracher, Sebastian Fleidl, sämtliche aus Uebersee, sowie Georg Hartl aus Hinderbichl und der damalige Irlingweber. Doch auch von den früheren Mitgliedern der Kapelle Gastager schlossen sich einige dieser neuen Musikervereinigung an, darunter Josef Gastager und dessen Sohn Xaver. 19 Jahre führte bei dieser Kapelle dann Josef Schmid den Dirigentenstab. Doch Andreas Gastager als ehemaliger Musikmeister der früheren Kapelle war der neuen Musikervereinigung nicht so wohl gesinnt wie sein Bruder Josef. Er ging vielmehr 1907 an die Gründung einer Konkurrenzkapelle, die er sieben Jahre bis zu seinem Tode 1914 aufbaute und führte. Daß sich in einer kleinen ländlichen Gemeinde gleich zwei Musikervereinigungen bilden und halten, dürfte nicht alltäglich sein.
Ohne Unterstützung, nur auf sich selbst angewiesen, setzt sich die junge Musikkapelle Schmid-Heigenhauser durch und entwickelte sich so, daß sie bald um den halben Chiemsee zu spielen hatte. Auch im Achental war sie bald eine gern gesehene Kapelle. Doch auch die andere von Andreas Gastager vor dem ersten Weltkrieg gegründete Kapelle wurde von Peter Donauer nach dem ersten Weltkrieg übernommen, neu aufgebaut und mit Erfolg als Blaskapelle weitergeführt. Sie vereinigte sich dann mit den Musikanten von Eggstätt und wirkte ebenfalls mit viel Erfolg. Dieser Konkurrenzstreit zog sich bis zum Jahre 1925 hin, das den Zusammenschluß beider Kapellen brachte. Dirigent wurde der im Grüntal bei Raubling geborene Reischl, nachdem er schon vorher die Kapelle Schmid Heigenhauser zwei Jahre zur Zufriedenheit betreut hatte. 1935 löste ihn dann als Musikmeister August Schmid ab. Er war ein Neffe von Josef Schmid und stand den Musikern von Uebersee bis 1958 vor.

Josef Schwaiger übernimmt die Ablösung. Er führt die Kapelle heute noch. Unter dem Namen Fischer Sepp ist der augenblickliche Dirigent ja weithin bestens bekannt. Er hat nicht mehr die Sorgen, daß sich neben ihm eine neue Konkurrenzkapelle bilden könnte. Dazu fehlen heute in der Gemeinde schon die Musiker. Bei ihm geht es vielmehr darum, überhaupt noch Musikbegeisterte zu finden. Möge es ihm gelingen, das Nachwuchsproblem zu lösen, damit die Blaskapelle Uebersee-Feldwies weiter bestehen bleibe. Es wäre doch jammerschade um ihr Aufhören nach einem mehr als 150jährigen Bestehen. Was ist schon ein bayerisches Dorffest ohne Blasmusik? Oder wird in Zukunft bei Trachtenumzügen u. ä. Veranstaltungen ein Lautsprecherwagen mit Konserven-Blasmusik mitfahren?

 

Die Alten Überseer